Ist das Home Office nur eine Modeerscheinung?

Vor einigen Wochen erschien auf welt.de ein Artikel mit der Überschrift »Den Trend zum Home Office gibt es gar nicht«. Ganz davon abgesehen, dass der Artikel ein Aufguss eines, bereits vor 15 Monaten und ebenfalls auf welt.de veröffentlichten Artikels ist (»Das Home Office ist eine Illusion«), suggerieren beide Artikel, dass viele Menschen wieder vermehrt oder immer ins Büro gehen, anstatt gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten.

Und so sorgt dieser neuerliche Artikel – wie schon im letzten Jahr – für einige Aufregung und zahlreiche Unternehmen, die sich aktuell damit beschäftigen ihren Mitarbeitern mehr Freiräume bei der Wahl von Arbeitsort und Arbeitszeit zu gewähren, sind mehr als irritiert.

Jetzt könnte man direkt zahlreiche Gründe anführen, warum diese Ableitung zu kurz gedacht ist. Es bringt aber schon einiges Licht ins Dunkel, wenn man sich einfach mal den Mikrozensus-Fragebogen anschaut: Fragebogen Mikrozensus 2014. Die entscheidende Frage nach der Heimarbeit steht auf  Seite 20, Frage Nummer 64:

Haben Sie Ihre Erwerbstätigkeit in den letzten 3 Monaten zu Hause ausgeübt ?

Als Antwortmöglichkeiten sind folgende drei Kategorien vorgegeben:

Ja, und zwar …

… in der Mehrzahl der Arbeitstage ( die Hälfte und mehr )

… in weniger als der Hälfte der Arbeitstage

Nein

So weit, so gut. Unter dem Fragetext ist jedoch ein kleiner Hinweis auf einen ergänzenden Informationstext abgedruckt:

Siehe auch S. 58: 7 „Erwerbstätigkeit zu Hause“

Und genau da wird es interessant. Blättert man auf Seite 58 und schaut sich den Text an, so stellt man fest, dass dieser die Frage nach der Heimarbeit sehr stark einschränkt.

„Arbeit zu Hause“ liegt zumeist bei Selbstständigen in künstlerischen und freien Berufen vor, die ganz oder teilweise in einem für die beruflichen Zwecke eingerichteten Teil ihrer Wohnung ( z. B. Künstleratelier ) tätig sind. Dagegen sind etwa Ärztinnen/Ärzte oder Steuerberater/-innen nicht zu Hause tätig, wenn deren Praxis bzw. Büro an den Wohnbereich angrenzt und mit einem separaten Eingang versehen ist. Gleiches gilt auch für Landwirtinnen/Landwirte, die auf ihren Feldern, in Stallungen oder sonstigen – nicht zum Wohnbereich gehörenden – Gebäuden tätig sind.

Aha. „ […] zumeist bei Selbstständigen in künstlerischen und freien Berufen […]“.
Und was ist jetzt mit all den Festangestellten, die gelegentlich mal von zu Hause arbeiten? Fallen die jetzt zum großen Teil heraus?

Lässt man diese Einschränkung mal außen vor, könnte die Auswertung des Mikrozensus also tatsächlich gegen einen Trend zum Home Office sprechen.

An dieser Stelle sollte man sich aber mal unsere heutige Arbeitswelt genauer anschauen. Gerade die Selbstständigen und Freelancer gehen ihrer Arbeit immer öfter in einem Coworking Center nach, anstatt alleine zu Hause zu arbeiten. Unsere Technologien (Notebooks, Tablets, Smartphones, mobiler Internetzugang) ermöglichen schon heute, dass man prinzipiell an jedem Ort, zu jeder Zeit arbeiten kann. Das Home Office wird also zu einem Arbeitsort unter vielen! Es ist ist daher völlig irrelevant, ob die Nutzungszahlen von Heimarbeitsplätzen hoch oder runter gehen. Das altbekannte Paar Home Office und Büroarbeitsplatz haben Zuwachs bekommen.

Entscheidend ist letztendlich, dass die Mitarbeiter die Möglichkeit dazu haben zwischen Arbeitsorten frei wählen zu können. Und ob der Mitarbeiter jetzt seine Arbeit zu Hause, in einem Café oder unterwegs erledigt, ist dabei sekundär. Wissensarbeit ist nun mal nicht so planbar und steuerbar wie eine Produktion. Wie kann man von einem Mitarbeiter, der zwischen 9 und 17 Uhr an seinem Schreibtisch im Büro sitzt, erwarten, dass dieser kreativ und innovativ ist, wenn zu Hause das Kind krank ist, man dringend zu einem Amt müsste oder sonstige private Angelegenheiten den Kopf blockieren?

Nicht nur unsere eigenen Studien zeigen, dass die Autonomie einen großen Einfluss auf zahlreiche Erfolgsfaktoren hat. In Dan Pinks Buch Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us (Deutsche Ausgabe: Drive: Was Sie wirklich motiviert) findet man zahlreiche weitere Forschungsergebnisse, die zeigen wie sehr sich die Autonomie auf die Motivation auswirkt.

Zusammenfasend lässt sich folgendes feststellen: Das Home Office stellt nur einen Teil des immer größer werdenden Arbeitsorte-Mixes dar. Durch die Möglichkeit praktisch zu jeder Zeit und überall arbeiten zu können, differenzieren sich unsere potentiellen Arbeitsorte immer weiter aus. Die Home Office Nutzung mag zwar insgesamt gesehen abnehmen, das bedeutet aber nicht, dass Menschen nicht frei über ihre Arbeitsorte entscheiden möchten.

Früher: Home Office und/oder Büro. Heute Home Office = Teil des Arbeitsorte-Mix.

 


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