Warum die Face-to-Face Kommunikation so wichtig für den Wissensaustausch ist

Wir haben mittlerweile jede Menge Werkzeuge zur Hand, um mit anderen über größere Entfernungen zu kommunizieren. High-End Video-Konferenz oder die etwas ruckligere Variante über das Smartphone gehören heute zum Arbeitsalltag. Trotzdem treffen sich Menschen immer noch gerne und tauschen sich von Angesicht zu Angesicht aus. Warum aber ist das so?

Rein wissenschaftlich betrachtet und ausgedrückt, dient Kommunikation in Organisationen vorwiegend der Abstimmung und Koordination von Arbeitsprozessen. Zur Übertragung der Informationen kommen dabei verschiedene Kommunikationsmedien zum Einsatz. So kann persönlich durch Sprache, über technische Kommunikationsmittel oder mittels schriftlicher Berichte kommuniziert werden.

Durch die zunehmende Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), wie Email oder Instant-Messaging wurde schon oft das Aussterben der Face-to-Face Kommunikation postuliert. Mittlerweile sind solche Prognosen wieder seltener geworden, da man erkannt hat wie wertvoll das persönliche Gespräch zwischen Menschen zur Aufgabenerfüllung sein kann. Ein recht eindrückliches Beispiel liefern die überall entstehenden Coworking Spaces. Coworking beschreibt eine neue Arbeitsform, bei der v.a. Existenzgründer, Freiberufler und Kreative sich für eine gewisse Zeit einen Platz in einem dafür bereitgestellten Gebäude, dem Coworking Space, anmieten und dort arbeiten anstatt alleine von zu Hause aus. Die Gründe für die Nutzung eines Coworking Space sind vielfältig, vor allem jedoch bei den Möglichkeiten zu sehen, die durch die direkte Interaktion mit Personen, die ähnliche Interessen haben, entstehen können. Coworking Spaces ermöglichen so nicht nur soziale Kontakte, sondern erleichtern auch Kooperationen und Synergien.

Sicherlich wird die Digitalisierung die Art und Weise der geschäftlichen Kommunikation auch weiterhin verändern und v.a. mobiles Arbeiten zunehmend erleichtern, dennoch wird die direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht weiterhin den Geschäftsalltag bestimmen.

Wirtschaftlicher Sektorenwandel – Wissensarbeit als dominierender Faktor

Ein Grund dafür lässt sich in der Struktur unserer Wirtschaft finden, die sich seit vielen Jahren einem tiefgreifenden Wandel unterzieht. So verschieben sich die Anteile der Erwerbstätigen mehr und mehr vom primären, rohstoffverarbeitenden Sektor und dem sekundären Produktionssektor in den tertiären Dienstleistungssektor.

Dieser als intersektorieller Strukturwandel bezeichnete Prozess wird noch von einem weiteren Transformationsprozess überlagert. Der metasektorielle Strukturwandel zeigt, wie sich die Wertschöpfung über alle Sektoren hinweg von Routinearbeiten zur Wissensarbeit verschiebt. Allein in Deutschland übt mittlerweile rund jeder Dritte Erwerbstätige einen sogenannten wissensintensiven Beruf aus, z.B. als Ingenieur, Techniker oder Wissenschaftler in forschungsintensiven Bereichen oder in der Informationstechnologie.

Metasektorieller Strukturwandel, Metasektorieller Strukturwandel, nach Pfiffner, Stadelmann (1999), S.70

Metasektorieller Strukturwandel, Metasektorieller Strukturwandel, nach Pfiffner, Stadelmann (1999), S.70

Dieser Wandel zeigt, dass Wissen bzw. dessen Verfügbarkeit und Nutzung, zu einem strategischen Erfolgsfaktor in der heutigen Arbeitswelt geworden ist und selben Maße wie Wissen ein immer bedeutender Faktor wird, wächst auch die Bedeutung der Kommunikation zum Erwerb und zur Synchronisation dieses Wissens. Je nach ausgeübter Tätigkeit, verbringt ein Wissensarbeiter den größten Teil seiner Arbeitszeit mit Aktivitäten, welche die Information und Kommunikation betreffen.

Implizites und explizites Wissen

Um zu verstehen, warum Face-to-Face Kommunikation für die Wissensarbeit so wichtig ist, muss man sich mit der Ressource Wissen etwas genauer auseinandersetzen. Wissen kann in expliziter oder in impliziter Form vorliegen. Explizit ist Wissen dann, wenn es eindeutig kodierbar und durch Zeichen in Form von Sprache oder Schrift kommunizierbar ist. Implizites Wissen (auch tazites Wissen genannt) ist das nicht kodifizierbare, als persönliches Erfahrungswissen in den Köpfen der Mitarbeiter steckende Wissen. Die Umwandlung bzw. Weitergabe zwischen beiden Wissensformen zur Generierung neuen Wissens, beschreibt die nachstehende Abbildung.

Umwandlung von Wissen (Wissenskonvertierung), angelehnt an Nonaka, Konno (1998), S.4

Wissenskonvertierung: Umwandlung von implizitem und explizitem Wissen, angelehnt an Nonaka, Konno (1998), S.4

Die Überführung von explizitem Wissen in neues explizites Wissen, bezeichnet man als Kombination. Darunter versteht man die systematische Zusammenführung von Wissen aus unterschiedlichen Quellen durch das Sortieren, Hinzufügen, Kombinieren und Kategorisieren von bereits vorhandenen Informationen.

Die Umwandlung von explizitem zu implizitem Wissen wird als Internalisierung bezeichnet. Schriftlich festgehaltenes Wissen wird durch eine Person aufgenommen und angewendet und bereichert somit den eigenen impliziten Wissensschatz. Wird anders herum, implizites Wissen expliziert, d.h. ein Mitarbeiter hält seine Erfahrungen schriftlich in Form von Dokumenten fest, so spricht man von Externalisierung. Sein gesammeltes Wissen steht nun der gesamten Organisation zur Verfügung und kann anschließend von anderen adaptiert werden.

Der im Kontext dieses Artikels interessanteste Übergang ist jedoch der von implizitem zu implizitem Wissen. Dieser als Sozialisierung bezeichnete Prozess beschreibt wie neues implizites Wissen durch das Teilen von Erfahrungen geschaffen wird und ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil nur so wichtiges Wissen weitergegeben und in der Organisation gehalten werden kann. Verlässt eine zentrale Figur eine Organisation, verliert die Organsiation auch oft das Wissen dieser Person. Gerade aber für die Übertragung von implizitem Wissen sind intensive Interaktionsprozesse notwendig, da dieses nicht ohne weiteres kodifizierbar und somit auch deutlich schwieriger über weite Distanzen zu kommunizieren ist.

Idealerweise erfolgt die Weitergabe daher in persönlichem Kontakt, auch weil der Transfer dieses Wissens ein Grundmaß an gegenseitigem Vertrauen benötigt. Einige Autoren vertreten sogar die Meinung, dass sich implizites Wissen ausschließlich in Face-to-Face Situationen übertragen lässt.

Quellen:

Nonaka, I., Konno, N. (1998), The Concept of „Ba‟: Building a Foundation for Knowledge Creation, in: California Management Review, 40, 1998, 3, S. 40–54

Nonaka, I., Takeuchi, H. (1995), The knowledge creating company: How Japanese companies create the dynamics of innovation, New York 1995

Pfiffner, M., Stadelmann, P. D. (1999), Wissen wirksam machen: Wie Kopfarbeiter produktiv werden, 2. Auflage, Bern 1999

Bildquelle – Hintergrund Titelbild: pixabay